Teilzeit in Deutschland – Ein Vergleich mit Frankreich
- ELAGE

- vor 3 Tagen
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Die Teilzeitquote in Deutschland hat 2025 ein Rekordniveau erreicht: Fast vier von zehn Beschäftigten arbeiten inzwischen in Teilzeit.[1] Besonders hoch ist der Anteil bei Frauen – fast jede zweite erwerbstätige Frau (49 %) arbeitet in Teilzeit.[2] Bei Männern sind es dagegen nur jeder neunte (12 %).[3] Damit liegt Deutschland insbesondere im Vergleich zu Frankreich mit einer Teilzeitquote von 16,7 % an der europäischen Spitze. Was lange als Ausdruck moderner Arbeitsflexibilität galt, ist inzwischen zu einem politischen Streitpunkt geworden. Vor dem Hintergrund von Fachkräftemangel und wirtschaftlichen Herausforderungen stellt sich zunehmend die Frage, ob Deutschland sich diese Entwicklung langfristig leisten kann.
Auslöser der jüngsten Zuspitzung war ein Vorstoß aus dem Wirtschaftsflügel der CDU, der den allgemeinen Rechtsanspruch auf Teilzeit reformieren wollte, indem dieser künftig „nur bei Vorliegen einer besonderen Begründung gelten“ solle.[4] Dies wäre etwa dann der Fall, wenn Teilzeit für die Erziehung von Kindern, die Pflege von Angehörigen oder Fort- und Weiterbildungen genutzt würde.[5] In diesem Zusammenhang tauchte auch das Schlagwort der sogenannten „Lifestyle-Teilzeit“ auf, das mit der Vorstellung verbunden ist, dass viele Beschäftigte freiwillig weniger arbeiten, nur um mehr Freizeit zu haben. Der Vorschlag greift damit eine Argumentationslinie auf, die Bundeskanzler Friedrich Merz seit seinem Amtsantritt immer wieder andeutet: Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Deutschlands würden mit einer nachlassenden Leistungs- und Arbeitsbereitschaft zusammenhängen.[6]
Die Debatte darüber ist in Deutschland inzwischen zu einer Grundsatzfrage geworden: Geht es tatsächlich um eine freiwillige Reduktion der Arbeitszeit oder spiegelt die hohe Teilzeitquote strukturelle Probleme des deutschen Arbeitsmarktes wider? Diese Diskussion betrifft insbesondere Frauen, da diese wie oben ausgeführt wesentlich häufiger in Teilzeit arbeiten.
Deutschland
Die rechtliche Grundlage der Teilzeitarbeit bildet in Deutschland das Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG). Es gewährt Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern unter bestimmten Voraussetzungen einen Anspruch darauf, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Beschäftigte, deren Arbeitsverhältnis länger als sechs Monate besteht und deren Arbeitgeber mehr als 15 Arbeitnehmer beschäftigt, können eine Verringerung der Arbeitszeit beantragen. Der Arbeitgeber darf diesen Antrag nur aus betrieblichen Gründen ablehnen.[7]
Die Teilzeitdebatte in Deutschland hat sich längst zu einer wirtschaftlichen, sozialen und politischen Fragestellung ausgeweitet. Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels argumentieren einige Politiker und Ökonomen, dass mehr Vollzeitarbeit notwendig sei, um Wachstum und Produktivität zu sichern.[8] Die steigende Zahl an Teilzeitbeschäftigten erscheint in diesem Zusammenhang als möglicher Grund dafür, dass Arbeitskräftepotenziale nicht vollständig ausgeschöpft werden.
Andere Stimmen warnen jedoch davor, die Debatte zu stark zu vereinfachen. Ökonomen wie Marcel Fratzscher[9] weisen darauf hin, dass Einschränkungen des Teilzeitrechts sogar negative Folgen für Wirtschaft und Unternehmen haben könnten. Viele Beschäftigte würden ihre Arbeitszeit nicht aus reiner Präferenz reduzieren, sondern aufgrund struktureller Zwänge weil zum Beispiel die Kinderbetreuung nicht ausreichend gewährleistet ist . Würde man das Recht auf Teilzeit einschränken, könnten Unternehmen im schlimmsten Fall sogar Arbeitskräfte verlieren, weil Beschäftigte dann ganz aus dem Arbeitsmarkt ausschieden.[10]
Tatsächlich zeigt ein genauerer Blick auf die Ursachen der Teilzeitarbeit, dass individuelle Entscheidungen häufig eng mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verbunden sind. Zwar geben Teilzeitbeschäftigte zum Teil an, freiwillig weniger arbeiten zu wollen, doch diese Entscheidung steht häufig im Zusammenhang mit familiären („care“) Verpflichtungen, fehlenden Betreuungsangeboten oder institutionellen Anreizen im Steuer- und Sozialsystem.[11]
Statistiken zeigen, warum Menschen – insbesondere Frauen – in Teilzeit arbeiten: Rund ein Viertel der Teilzeitbeschäftigten reduziert ihre Arbeitszeit aus familiären Gründen, insbesondere wegen Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen, wobei es bei Frauen sogar jede Dritte betrifft. Knapp zwölf Prozent arbeiten in Teilzeit, um sich weiter- oder fortzubilden, knapp fünf Prozent aufgrund eigener Krankheit oder Behinderung und ähnlich viele, weil sie keine Vollzeitstelle finden. Geschätzt wird, dass echte „Lifestyle-Teilzeit“, also Arbeitszeitreduzierung allein für mehr Freizeit, nur einen sehr kleinen Anteil, etwa im einstelligen Prozentbereich, ausmacht. In belastenden Branchen wie Pflege oder Erziehung dient Teilzeit oft als notwendige „Überlebensstrategie“, um mentale und körperliche Belastung zu bewältigen und den Beruf langfristig ausüben zu können.[12]
Hier ist von besonderer Bedeutung, dass laut Berechnungen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der sogenannte Gender Care Gap, der Anteil zwischen Frauen und Männern an Arbeit der Kindererziehung, Angehörigenpflege, Hausarbeit und Ehrenamt, in Deutschland rund 44,3 % beträgt. Das bedeutet, dass Frauen täglich eine Stunde und 19 Minuten mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit leisten als Männer. Werden bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammen betrachtet, arbeiten Frauen im Durchschnitt sogar mehr Stunden als Männer.[13]
Vor allem Veränderungen bei Betreuungsangeboten für Kinder und Pflegebedürftige wirken sich direkt auf den Wunsch nach Voll- oder Teilzeit aus. Eine Verbesserung dieser Angebote könnte daher die Teilzeitquote und die Erwerbsbeteiligung erhöhen.[14] Vor diesem Hintergrund kritisieren Gewerkschaften und Sozialforscher, dass die politische Debatte über „Lifestyle-Teilzeit“ strukturelle Ursachen ausblende und Teilzeit vorschnell als individuelles Phänomen darstelle.
Kritiker der aktuellen Debatte verweisen zudem auf das deutsche Steuer- und Transfersystem. Insbesondere das Ehegattensplitting könne zu niedrigeren finanziellen Anreizen führen: Eine Ausweitung der Erwerbsarbeit für den Zweitverdiener sei in vielen Fällen nicht lukrativ, da höhere Einkommen oft durch Steuer- und Sozialabgaben schnell aufgezehrt würden.[15] Dadurch entstehe für viele wenig finanzieller Anreiz über Teilzeit hinaus in Vollzeit zu arbeiten.[16]
Als Folge der aktuellen Teilzeitdebatte in Deutschland wird in der politischen Diskussion zunehmend von einer möglichen „Teilzeitfalle“ gesprochen. Gemeint ist damit, dass Teilzeitbeschäftigung langfristig zu niedrigeren Einkommen, geringeren Karrierechancen und geringeren Rentenansprüchen führen kann.[17] Gerade für Frauen stellt Teilzeit daher häufig sowohl eine notwendige Lösung zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf als auch ein langfristiges wirtschaftliches Risiko dar.
Die deutsche Teilzeitdebatte bewegt sich damit in einem Spannungsfeld: Einerseits gilt Teilzeit als wichtiger Bestandteil moderner Arbeitsmodelle und ermöglicht vielen Beschäftigten eine bessere Balance zwischen Beruf und Privatleben. Andererseits stellt sich die Frage, ob das deutsche Arbeits- und Sozialsystem ausreichend darauf ausgerichtet ist, Teilzeit in privater wie in arbeitsmarktpolitischer Hinsicht mit langfristiger wirtschaftlicher Sicherheit zu verbinden.
Im Vergleich zu Frankreich
Ein Blick nach Frankreich zeigt, dass das Thema Teilzeit dort deutlich weniger politisch diskutiert wird. Rechtlich ist Teilzeit in Frankreich klar geregelt: Als Teilzeitbeschäftigung gilt jede Arbeitszeit unterhalb der gesetzlichen Wochenarbeitszeit von 35 Stunden oder unterhalb der branchenüblichen Vollzeit, die zudem im Arbeitsvertrag festgelegt werden muss. Grundsätzlich gilt außerdem eine Mindestarbeitszeit von 24 Stunden pro Woche, von der nur in bestimmten Fällen Ausnahmen möglich sind.[18]
Im europäischen Vergleich liegt der Anteil der Teilzeitbeschäftigten in Frankreich mit 16,6 % deutlich unter dem deutschen Niveau.[19] Während Teilzeit in Deutschland einen sehr großen Teil des Arbeitsmarktes prägt, ist sie in Frankreich weniger verbreitet. Beobachter führen diesen Unterschied unter anderem auf institutionelle Faktoren zurück, etwa auf die Organisation der Kinderbetreuung oder auf arbeitsmarktpolitische Rahmenbedingungen.
Gerade im Hinblick auf berufstätige Mütter wird Frankreich häufig als Vergleichsmodell genannt. Vergleiche zwischen Deutschland und Frankreich[20] zeigen, dass ein stärker ausgebautes Betreuungsangebot, welches über flächendeckende Betreuungsangebote für Kinder bis hin zum stärkeren Ausbau von Ganztagsangeboten in Schulen reicht, dazu beitragen können, dass Mütter häufiger in Vollzeit arbeiten als in Deutschland. Dadurch wird Teilzeit weniger zur strukturellen Notwendigkeit und eher zu einer bewusst gewählten Arbeitsform.
Hinzu kommt, dass das französische Steuer- und Sozialsystem beim sogenannten „Familiensplitting“ die Zahl der Kinder deutlich einbezieht und gerade bei Familien mit mindestens drei Kindern dadurch große Entlastung entsteht.[21] Diese Ausgestaltung fördert die individuelle Erwerbstätigkeit beider Partner und verringert die ökonomische Notwendigkeit, dass ein Ehepartner seine Arbeitszeit reduziert.
Während in Deutschland das Ehegattensplitting einen klaren Anreiz für eine Partnerin/einen Partner schafft, weniger zu verdienen und damit Frauen zu „Zuverdienerinnen“ macht, wirkt das französische Modell nicht in dieser Weise und Frauen nehmen die Mitverdiener Rolle ein. Die finanzielle Entlastung für Familien entsteht dort vor allem durch die Kinderbetreuungsangebote kombiniert mit familienbezogenen Steuervergünstigungen und nicht allein durch Steuervorteile des Partners. Dazu kommt, dass in Frankreich eine Frau, die ihre Aufgabe ausschließlich oder überwiegend in Haushalt und Kinderbetreuung sieht, als unattraktiv gesehen wird.[22]
Der Vergleich macht deutlich, dass Teilzeitarbeit nicht allein das Ergebnis individueller Entscheidungen ist, sondern stark von politischen, institutionellen, kulturellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geprägt wird. In Frankreich zeigt sich, dass eine Kombination aus breiter Kinderbetreuung, Ganztagsangeboten und einem steuerlich neutralen Familiensystem die Erwerbstätigkeit von Frauen begünstigt, ohne das sie auf Teilzeit angewiesen wären.
Fazit
Die aktuelle Teilzeitdebatte in Deutschland zeigt, wie komplex das Thema Arbeitszeit in modernen Volkswirtschaften geworden ist. Während steigende Teilzeitquoten teilweise als Problem für Fachkräftemangel und wirtschaftliches Wachstum dargestellt werden, weisen viele Studien darauf hin, dass hinter Teilzeitarbeit häufig strukturelle Ursachen stehen – etwa Care-Arbeit, Kinderbetreuung oder institutionelle Rahmenbedingungen.
Der Vergleich mit Frankreich verdeutlicht, dass unterschiedliche politische und gesellschaftliche Strukturen zu unterschiedlichen Arbeitszeitmodellen führen können. Während Teilzeit in Deutschland ein zentrales Element des Arbeitsmarktes geworden ist, ist sie in Frankreich strenger reguliert und weniger verbreitet.
Die entscheidende Frage für die deutsche Politik lautet daher nicht nur, wie viele Stunden gearbeitet werden, sondern unter welchen Bedingungen Menschen arbeiten können. Wenn Deutschland tatsächlich mehr Arbeitsstunden mobilisieren möchte, sollte der Fokus weniger auf der Einschränkung von Teilzeit liegen als vielmehr auf besseren strukturellen Rahmenbedingungen – etwa beim Ausbau der Kinderbetreuung oder bei flexibleren Arbeitsmodellen, wie beispielsweise Homeoffice. Dann werden Frauen aus freien Stücken den Schritt in die Vollzeit gehen können oder sich schritt weise je nach Lebensrealität dem annähern
Der Blick nach Frankreich zeigt, dass solche institutionellen Faktoren einen erheblichen Einfluss darauf haben können, wie Arbeitszeit organisiert wird – und ob Teilzeit vor allem als Ausdruck individueller Freiheit oder als strukturelle Notwendigkeit angesehen wird.
Der Artikel wurde von Jette Kruchen im Rahmen ihres Rechtspraktikums im Cabinet ELAGE im März 2026 unter Leitung von Sylvia Cleff Le Divellec verfasst.
[1] https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/teilzeit-quote-lag-2025-auf-rekordniveau-a-9e47f892-1b1b-499d-a401-968c442c475e; vgl. auch: laut dem Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung erreichte die Teilzeitquote im dritten Quartal 2025 40,1 % (https://iab.de/presseinfo/immer-mehr-beschaeftigte-arbeiten-in-neben-und-teilzeitjobs/); Variiert aber s. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1098738/umfrage/anteil-der-teilzeitbeschaeftigung-in-den-eu-laendern/
[2] https://www.deutschlandfunk.de/teilzeit-fachkraeftemangel-wirtschaftswachstum-produktivitaet-100.html
[4] https://www.spiegel.de/wirtschaft/debatte-ueber-lifestyle-teilzeit-marcel-fratzscher-warnt-vor-einschraenkung-teilzeit-recht-a-88e00585-6abb-4a71-affe-e5413c7ed668
[5] https://rsw.beck.de/aktuell/daily/meldung/detail/teilzeit-anspruch-cdu-wirtschaftsfluegel-gesetzgebung
[6] https://www.deutschlandfunk.de/teilzeit-fachkraeftemangel-wirtschaftswachstum-produktivitaet-100.html
[7] § 8 TzBfG, abrufbar unter: https://www.gesetze-im-internet.de/tzbfg/BJNR196610000.html
[8] https://www.deutschlandfunk.de/teilzeit-fachkraeftemangel-wirtschaftswachstum-produktivitaet-100.html
[9] Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)
[10] https://www.spiegel.de/wirtschaft/debatte-ueber-lifestyle-teilzeit-marcel-fratzscher-warnt-vor-einschraenkung-teilzeit-recht-a-88e00585-6abb-4a71-affe-e5413c7ed668
[11] https://www.focus.de/politik/deutschland/teilzeit-debatte-warum-leistung-sich-nicht-mehr-auszahlt_0b5d0a32-0a1d-48d5-888c-f466a7c63e6a.html
[12] https://www.deutschlandfunk.de/teilzeit-fachkraeftemangel-wirtschaftswachstum-produktivitaet-100.html
[15] https://www.bpb.de/kurz-knapp/taegliche-dosis-politik/575251/debatte-um-arbeitzeit/?utm_source=chatgpt.com
[16] https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/cdu-generalsekretaer-carsten-linnemann-warnt-vor-teilzeit-falle-a-c6d7c8c0-0dfc-4790-b635-6f59a6b7fd6c
[17] https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/cdu-generalsekretaer-carsten-linnemann-warnt-vor-teilzeit-falle-a-c6d7c8c0-0dfc-4790-b635-6f59a6b7fd6c
[19] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1098738/umfrage/anteil-der-teilzeitbeschaeftigung-in-den-eu-laendern/
[20] https://www.tresor.economie.gouv.fr/Articles/dcc7b38e-4055-4cad-ae20-1d4f7211c874/files/b80a9bca-b91c-402d-9a4a-43ba65cd4a13



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